Erstes Erasmus Blended Intensive Programm zu Trauma-sensitive Media Work in Mainz | 22.04.2026
Empowern und eine Stimme geben
Was bedeutet es für Menschen in Filmen, Podcasts oder Zeitungsberichten von einschneidenden, lebensverändernden, ja: traumatischen Erlebnissen zu berichten? Sich Journalist:innen oder Dokumentarfilmer:innen gegenüber zu öffnen und davon zu erzählen, wie die Flut im Ahrtal damals für sie war, als sie ihr Zuhause und vielleicht sogar Angehörige verloren haben? Oder wie sie sich 15 Jahre nach der Love-Parade Katastrophe in Duisburg fühlen? Oder wie sie es geschafft haben, die Erlebnisse während des Terroranschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz zu verarbeiten?
Im journalistischen Arbeitsalltag ist für solche Überlegungen oft wenig Platz. Während die Branche und die Forschung dem Thema mentale Gesundheit von Journalist:innen in den vergangenen Jahren wachsende Aufmerksamkeit schenkt, gibt es immer noch wenig Wissen und wenig Bewusstsein dazu, wie es Protagonist:innen geht, die durch unsere Berichterstattung unter Umständen direkt zurückgeführt werden in traumatisierende Momente ihres Lebens. Und die wenige Forschung, die es zum Thema gibt, stellt der Branche kein gutes Zeugnis aus: Viele Menschen fürchten, mit medialer Präsenz gar eine Retraumatisierung zu riskieren, auch durch das lange Ende möglicher Social-Media Diskussionen, die sich nach einer Berichterstattung häufig ereignen. Dabei gibt es Möglichkeiten, wie wir als Journalist:innen, Dokumentarist:innen aber auch als Sozialarbeiter:innen und Psychotherapeut:innen dazu beitragen können, dass nicht nur kein weiterer Schaden entsteht, sondern unsere Arbeit vielleicht sogar jenen eine Stimme gibt, die sonst niemand hört.
Auftakt im LUX Mainz mit Speakerin Angelina Fusco | Foto von jens Hartmann
Trauma – das kann jede:n treffen. Und zwar dann wenn wir einer Situation plötzlich, einmalig oder lange und immer wieder machtlos ausgeliefert sind, unsere seelische, körperliche Integrität bedroht ist: Sei es durch Naturkatastrophen, Kriege, häusliche, sexuelle, strukturelle oder andere Formen von Gewalt, Krankheit, Armut oder ein Verbrechen. Was für uns als Journalist:innen Teil des Berufs ist, ist für die Menschen, die mit uns darüber sprechen nicht selten das Ende des Lebens, so wie es bisher kannten.
Panel Diskussion im LUX Mainz | Foto von jens Hartmann
Daher möchten wir in Mainz das Bewusstsein für eine trauma-sensitive, mediale Arbeit zum Bestandteil der Ausbildung am Journalistischen Seminar machen. Das Erasmus+ Blended Intensive Program „Journalism and Social Work: Trauma-sensitive Media Work“ war dazu ein erster, interdisziplinärer Feldversuch: Gemeinsam mit der Hochschule für Soziale Arbeit und Pädagogik (HSCW) in Wien, der Dublin City University (DCU) aus Irland, der Linnaeus University (LNU) aus Växjö/Kalmar und der Mittuniversitetet (MIUN) Östersund aus Schweden sowie der Hochschule der Künste, Bern, Schweiz, unterstützt von unserem tollen JGU International Team, haben die rund 60 Teilnehmer:innen eine Woche interdisziplinär das Feld erkundet. Besonders wertvoll war der Austausch mit Kolleg:innen aus Journalismus, Dokumentarfilm, Sozialer Arbeit, Psychologie und Psychotherapie: Angelina Fusco etwa, die über Jahrzehnte hinweg aus Belfast, Nordirland, für die BBC berichtet und ihre Erfahrungen in Trainings weitergibt; Dr. Ingeborg Kraus als Expertin für die Folgen von Prostitution; Traumatherapeutin Silja Rothe; Fee Rojas, Psychotherapeutin and Trauma-sensitive Media Coach; Community Management Expertin Sophia Krafft vom SWR; Filmautor und Dozent Tom Burke; Dokumentarfilmerin Martina Priessner zusammen mit dem Hauptprotagonisten ihres Films „Die Möllner Briefe“, Ibrahim Arslan; MBSR-Trainer und Journalist Björn Staschen; die Schauspielerinnen Janey Drößler und Laura Fischer – und viele andere mehr …
Filmscreening und Gespräch mit Tom Burke | Foto von jens Hartmann
Und genau diese einzigartige Verbindung aus journalistischer, dokumentarischer und sozialer Praxis zusammen mit dem großen Interesse aller Teilnehmer:innen hat die Woche ganz besonders gemacht. In Vorträgen, Workshops, Filmvorführungen und Diskussionen haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie verantwortungsvoller Umgang mit sensiblen Geschichten gelingen kann – immer mit dem Ziel, nicht nur keinen weiteren Schaden anzurichten, sondern auch: ungehörten Stimmen im öffentlichen Diskurs Raum zu verschaffen.
Ein weiteres wichtiges Element des BIP war die praktische Arbeit: In internationalen Teams sind neun Podcast-Projekte entstanden, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit den Rahmenbedingungen traumasensitiver Medienarbeit auseinandersetzen und demnächst veröffentlicht werden. Der kreative Prozess, die intensive Zusammenarbeit schon seit Januar und die abschließenden Präsentationen haben eindrucksvoll gezeigt, wie viel in kurzer Zeit entstehen kann, wenn Menschen mit Engagement, Neugier und Offenheit – über die Fächergrenzen hinweg – zusammenkommen.
Filmscreening „Die Möllner Briefe“ und Gespräch mit Protagonist Ibrahim Arslan, Regisseurin Martina Priessner und Psychotherapeutin Fee Rojas | Foto von jens Hartmann
Neben all der inhaltlichen Arbeit war es schließlich das menschliche Miteinander, das diese Woche zu mehr gemacht hat als schlicht zur Summe seiner Teile. Und da Liebe ja bekanntlich (auch) durch den Magen geht, hat sicher das tägliche internationale Buffet seinen Anteil daran: Angefangen beim schwedischen Knäckebrot über irische Guiness-Schokolade und deutsches Sauerteigbrot bis hin zum Steierischen Kürbiskernöl … eine Woche voller Sinneseindrücke, die noch lange nachwirken.
Viele Traumata entsteht in Beziehungen – und können auch nur durch neue, andere Beziehungen wieder heilen.
So Isabelle, Protagonistin einer meiner Filme, retraumatisiert zwölf Jahre nach ihrem Ausstieg aus der Prostitution. Verändern können wir nur etwas, wenn wir bei unserer eigenen Arbeit als Journalist:innen, Dokumentarist:innen und Sozialarbeiter:innen anfangen – und mutig grundsätzliche Bedingungen neu verhandeln: Safe Spaces für Betroffene schaffen, sorgfältig recherchieren und auf dieser Basis zum Beispiel bewusst subjektive Formate wie Reportagen oder Interviews wählen, um Menschen eine Stimme zu geben und Retraumatisierungen zu vermeiden.
Workshop von Silja Rothe | Foto von Katja Schupp
Mein herzlicher Dank gilt meinem Kollegen Jens Hartmann für seine unschätzbare Unterstützung während des gesamten Projekts.
Außerdem danke ich unserem fantastischen JGU-International-Team sowie unseren Partnerhochschulen des Projekts, die es aus der Taufe gehoben und haben wachsen lassen: Andrea Jedinger und Elizabeth Baum-Breuer von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Wien (HSCW), Angelika Kaffrell-Lindahl und Carina Thörn von der Mittuniversitetet (MIUN) Östersund/Schweden, Tom Burke von der Dublin City University (DCU) Irland, der Linnaeus-Universität (LNU) Växjö & Kalmar/Schweden sowie schließlich der Hochschule der Künste Bern, Schweiz.
Und – last but not least: Vielen Dank an die mehr als 50 Teilnehmer, die diese Woche durch ihr Engagement, ihr Interesse, ihre Neugier und ihre Offenheit zu dem gemacht haben, was sie war.
Podcast Aufnahme im Radiostudio